Facetten des ADHS

Man kann sagen, ADHS ist brillant. Es zeichnet sich durch seinen Facettenreichtum aus, nicht nur in Hinblick auf seine Erscheinungsweise. Sondern vor allem im Hinblick auf die vielen Deutungen, mit welchen es bedacht wird. Für den Neurobiologen Gerald Hüther sind Kinder mit ADHS Menschen „die sich nicht funktionalisieren lassen“, sich den Ansprüchen der Gesellschaft widersetzen. Lynn Weiss, die amerikanische ADS-Spezialistin und selbst von dem Syndrom betroffen, spricht hingegen positiv von ihrem ADHS:“ Bin ich froh, dass ich ADS habe!“ Anders der Dichter Edgar Allan Poe. Auch er war betroffen. Unter diesem Eindruck lässt er den Held einer seiner Erzählungen fragen:“Lebte ich nicht vielleicht in einem Traum und sterbe als ein Opfer geheimer und schrecklicher äußerer Kräfte, die in uns wirken?“ Die Beispiele, wie ADHS interpretiert wird, lassen sich fortsetzen. Je nach weltanschaulicher Voraussetzung erscheint das Syndrom als Resultat einer zivilisationsgeprägten Fehlernährung, eine Sammlung archaischer Eigenschaften im menschlichen Genpool. Selbst Esoteriker nehmen sich des Themas an und erkennen kraftvolle Auren, die die Betroffenen umgeben. Was löst ein solches Interesse an ADHS aus? Warum zieht es so viele Deutungen auf sich? Wie können die Deutungen ihrerseits verstanden werden? Die Frage, wie ADHS verhandelt wird, ist kaum weniger wichtig wie diejenige, die die Behandlung des Syndroms betreffen. Die Antwort darauf hat Auswirkungen, wie man sich als Betroffener wahrnimmt. Dieser Beitrag bietet einige Gedankenanstöße.

 

Der gefährdete Selbstwert

 

Warum ist das Interesse an ADHS derzeit so groß Weil es das Selbstbewusstsein des einzelnen in frage stellt. Sich seiner selbst sicher zu sein, Zeit seines Lebens autonom zu handel, ist das Gebot der Stunde. Dem einzelnen obliegt es , sich in einer zunehmend unsicher und bedrohlicher werdenden Umwelt zu orientieren und zu behaupten; das Wort prekär fällt in diesem Zusammenhang häufig. Das wachsende Maß der Unsicherheit hat zur Folge, dass man sich nicht nur körperlich leistungsfähig erhalten will, sondern auch geistig fit. Die Erwartungen an die seelische und geistige Tauglichkeit nehmen zu. Auch am psychischen und kognitiven Leistungsvermögen darf kein Zweifel herrschen. Unter diesem Eindruck wächst neben der Furcht vor körperlichen Einschränkungen auch die Angst vor dem Verlust dieser Fähigkeiten. Beispiel Demenz und Alzheimer: Wie bei ADHS wird diesen beiden Alterserkrankungen große öffentliche Aufmerksamkeit entgegengebracht. Der Sozialwissenschaftler Eckart Hammer stellt im Blick auf den allmählichen Gedächtnisverlust im Alter fest:“Der größte Angriff auf die Identität ist wahrscheinlich die Angst, den Kopf zu verlieren.“ Ähnliches gilt für ADHS. Es gefährdet, angefacht vom steten Luftzug der Medien, Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und Selbstkontrolle und stößt damit ebenfalls ins Zentrum der Identität. Das Syndrom ruft die Angst hervor, die Orientierung in einem Alltag zu verlieren, der für alle anderen selbstverständlich zu bewältigen scheint. Die eigene Identität zeichnet sich nicht durch Festigkeit, sondern durch Diffusion und Widerstreit aus, wie es folgende Zeilen Emily Dickinsons ausdrücken:

 

Ein Driften, Gehen fühlt ich im Gemüt

         Als ob mit der Verstand zerging

         Ich setzte, fugte Stück für Stück

         Doch zerann mir aller Sinn

 

Das Gefühl der seelischen Unsicherheit durchzieht das Leben als große Hypothek. Der unbewältigte Alltag wird als ständiger, verlustreicher Kampf, als ein Versagen am Leben erlebt. Der Journalist Thom Hartmann erklärt diese Unsicherheit evolutionsgeschichtlich. Menschen mit ADHS zeigen die Merkmale der ursprünglichen Jäger- und Sammler-Gesellschaft. Es sind „Hunter-Menschen“. Diese aber sind in der heutigen Zivilisation, deren Alltagsordnung sich auf die Bauer-und Handwerker-Kultur zurückführen lässt, nicht mehr gefragt. Im Gegenteil. Hunter-Menschen sind Störfaktoren. Eine solche Deutung wirkt zwar schlüssig und in ihrer Schlüssigkeit gewährt sie ein gewisses Maß an Trost. Sie bringt aber auch die Gefahr mit sich, das Ringen mit den täglichen Anforderungen bzw. Überforderungen der Betroffenen heute nicht wahrzunehmen. Betroffenen tragen nicht nur subjektiv am ADHS, wie es die Zeilen des Gedichtes von Dickinson deutlich machen. Sie haben zudem auch Teil an den allgemeinen Befürchtungen, durch Ungenügen in den Sog des Scheiterns zu geraten. Sie spüren diese Furcht durch ihre Neigung zur Empathie stärker. Die Empfänglichkeit für Stimmung ist bei Betroffenen hoch ausgeprägt.

 

Sie reagieren nicht nur auf die atmosphärischen Gegebenheiten in ihrer nächsten Umwelt, am Arbeitsplatz, im Klassenzimmer oder in der Familie. Sondern sie nehmen auch die gesellschaftliche Großwetterlage wahr. Die Figur Harry Hallers aus Hermann Hesses Steppenwolf ist ein solcher Mensch. Haller, ein ebenso unabhängiger wie getriebener Geist, erkennt in der geordneten Bürgerlichkeit und scheinbaren Kulturbeflissenheit seiner Zeit jene gesellschaftliche Fassade, die die Katastrophe der neunzehnhunderdreißiger und –vierziger Jahre in Deutschland möglich machte. Er verachtet die Selbsttäuschung seiner Mitmenschen, leidet aber zugleich unter seiner Distanz und Einsamkeit. Der Steppenwolf wird zu einem Prisma, der die Lichtverhältnisse seiner Zeit in seinen Bestandteilen kenntlich macht- doch um den Preis beständiger Zerrissenheit und Scheiterns. Die Behauptung Poes hat etwas für sich, ein Mensch könne zum Opfer äußerer Kräfte werden, die im Inneren wirksam sind. Es wäre eine bedenkenswerte Aufgabe, der Frage nachzugehen, welche Folgen die zunehmend unbeständiger und unsicher werdenden Welt auf Menschen mit ADHS hat und welche Sichtweisen sie in ihnen hervorbringt.

Uwe Metz ( s. neue Akzente Nr. 85 2/2010, s. 23-24)

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