Aus dem Leben eines erfolgreichen Legasthenikers

Fabian Joas

Das Telefon klingelte, es meldetet sich ein Autor von der ProSieben Serie Galileo. Ob ich bereit wäre, meine Geschichte als „erfolgreicher Legastheniker“ zu erzählen. Ich überlegte, ob ich wieder „der Legastheniker“ sein wollte. In den letzten fünf Jahren meines Lebens hat meine Legasthenie kaum mehr eine Rolle gespielt. Ich hatte für eine Unternehmensberatung gearbeitet, war mit dem Rucksack um die Welt gereist und habe ein Promotionsstipendium ergattert. Ich hatte in dieser Zeit nicht das Gefühl, dass mich meine Legasthenie noch stark beeinträchtigt oder dass sie für irgendjemanden, den ich kenne, noch eine Rolle spielte.

Und dann auch noch ProSieben. Ich sagte trotzdem zu. Warum? Weil ich eine Verantwortung gegenüber anderen Betroffenen spüre, eine Verantwortung, den Irrglauben zu bekämpfen, dass eine Legasthenie eine Schwäche ist, die das Leben furchtbar schwer machen muss

Seit meiner Schulzeit hat sich einiges zum Guten gewendet. Legasthenie ist mittlerweile anerkannt, mit einem ärztlichen Attest und den entsprechenden Gutachten können Schüler einen Nachteilsausgleich bekommen. Das ist gut und wichtig. Aber es ist nur eine Seite der Medaille.

Entscheidender ist das Verständnis vor allem der Lehrer, aber auch der Mitschüler und der Eltern. Lehrer müssen den Schülern mit anerkannter Legasthenie mehr Zeit einräumen, aber nach meiner Erfahrung tun das viele nur widerwillig. Viele Lehrer kennen Mittel und Wege, ihren Widerwillen auf andere Weise in die Noten und Bewertungen einfließen zu lassen.

 

Auch Mitschüler haben oft kein Verständnis, warum auf einmal einer mehr Zeit bekommt oder die Rechtschreibfehler nicht gewertet werden. Missgunst und der unterschwellig oder offen vorgetragene Vorwurf, sich etwas zu erschleichen, schwingen fast immer mit. Ich will nicht ausschließen, dass es einige gibt, die zu Unrecht Erleichterungen beanspruchen. Doch das ist kein Grund, die große Mehrheit der Legastheniker unter Generalverdacht zu stellen.

Nach der Schule wird alles leichter. Ich kenne mittlerweile einige Leidensgenossen, die auf verschlungenen Wegen das Abitur gemacht und studiert haben. Alle haben eine Nische gefunden, in der Legasthenie keine Rolle spielt. Oder sie haben Methoden entwickelt, wie sie ihre Schwäche kompensieren können. Das klappt erstaunlich gut, wenn man die Hilfsmittel geschickt dazu einsetzt, sich Informationen auf anderen Wegen zu besorgen – und wenn man sich um bestimmte Aufgaben drückt.

Während meiner zwei Jahre in einer Unternehmensberatung hat niemand gemerkt, dass ich Legastheniker bin. Und ich habe es auch nicht für nötig gehalten, es in der Firma heraus zu posaunen. Das lag nicht daran, dass es mir peinlich gewesen wäre oder dass ich Angst vor dem Stigma hatte. Ich hielt es einfach nicht für notwendig, weil die Legasthenie meine Arbeit nicht negativ beeinflusst hat.

Dann kann diese Schwäche ja wohl nicht so schlimm sein, höre ich Sie sagen. Doch, sie ist schlimm. Wenn ich in diesem Moment nach oben sehe, ist mindestens jedes fünfte Wort von meinem Rechtschreib-programm rot unterringelt. Ich werde, wenn ich diesen Text fertig getippt habe, alle Wörter verbessern, und wenn sie so falsch geschrieben sind, dass Word sie nicht erkennt und auch ich den Fehler nicht finde, kopiere ich das Wort in Google, und dann kommt die Frage, „meinten Sie …“ mit dem richtig geschriebene Wort. Das klappt immer. Danach werde ich mir den Text von meinem Vorleseprogramm vorlesen lassen. Erst in langsamer Geschwindigkeit, um Fehler zu finden, die das Rechtschreib-programm nicht findet, weil ich zum Beispiel „scheinen“ statt „schienen“ oder „mir“ statt „mit“ geschrieben habe, danach höre ich mir das ganze noch ein- bis zweimal in einem schnelleren Modus an, um zu prüfen, ob es gut klingt und auch wirklich keine Fehler mehr drin sind. Durch diese Prozedur geht bei mir fast jede E-Mail und jeder Text. Das klingt nach viel Aufwand, aber mit einer gewissen Routine geht das recht schnell. Ist es einfach, meine Schwäche damit zu kompensieren? Nein, aber es geht.

Auch mein Lesen ist unterirdisch. Ich versuche nach Möglichkeiten alle Situationen, in denen ich öffentlich vorlesen müsste, zu vermeiden. Und wenn es sich nicht vermeiden lässt, lehne ich es mit einem bestimmten „ich bin Legastheniker, ich kann nicht laut vorlesen“, ab. Schon Straßennamen und Infobroschüren stellen für mich ein Problem dar. Ich kenne viele Legastheniker, die fast normal lesen können, selbst ganze Bücher. Für mich würde das nie in frage kommen. Ich habe mein ganzes Leben noch kein Buch gelesen und ich glaube auch, dass es nicht mehr dazu kommen wird. Doch es gibt Hörbücher und was noch nicht vertont wurde, gibt es in der Regel irgendwo im Web in digitaler Form. Diese Dokumente kann ich mir mit Hilfe des Vorleseprogramms anhören.

Aber zurück zu dem Galileo-Beitrag. Natürlich hat ProSieben die Story ausgeschlachtet, beziehungsweise sie wussten schon, welche Geschichte sie erzählen würden, bevor sie meine überhaupt kannten. Wieder und wieder wollten sie einen O-Ton von mir, dass ich in der Schule gemobbt und ausgegrenzt wurde. Das war nicht der Fall und deswegen habe ich es auch nicht gesagt.

Für die Autoren von Galileo war das kein Hindernis. Der Film beginnt mit einer Stimme aus dem Off:“Schnell wird Fabian in der Schule zum Außenseiter.“ Ich habe mich darüber sehr geärgert, weil es nicht stimmte und weil ich das den ProSiebenLeuten auch mehrfach so gesagt hatte. Klar, wurde ich wegen meiner Schwäche aufgezogen und klar fand ich das nicht schön. Aber solange das von Mitschülern kommt, ist das alles im normalen Bereich. Ich habe auch mal andere gehänselt, das gehört zum Aufwachsen dazu, aber Außenseiter, nein. Ich habe mich gefragt, weshalb Galileo das unbedingt drin haben wollte.

Ich glaube, man will ein Stigma aufkleben. Schaut mal , der Sonderling! Aber das bin ich nicht und kein anderer Legastheniker ist das. Man hat eine Schwäche, ja, aber mehr auch nicht. Der Nächste hat ein kurzes Bein, ein anderer hat Hörprobleme. Natürlich wird jeder für seine Schwächen gehänselt, Kinder sind grausam, aber da muss jeder durch.

Nicht jeder Legastheniker kann das Abitur machen und studieren. Das darf aber nichts mit der Schwäche zu tun haben. Wenn jemand die Begabung und die Motivation hat, eine bestimmte Schulform zu besuchen, sollte er

mit allen Mitteln unterstützt werden, das auch zu schaffen, Sonderregeln und jede Menge Extrawürste eingeschlossen. Das Land braucht gut ausgebildete, junge Menschen. Es ist aus meiner Sicht wichtiger, in der Schule Ausnahmen zu machen und Menschen mit klar definierten Teilleistungsschwächen Abschlüsse machen zu lassen, das heißt mehr zu individualisieren, als dem sehr deutschen Ideal, alle über einen Kamm zu scheren, treu zu bleiben. Im Berufsleben findet in der Regel jeder seine Nische und darauf kommt es doch an.

Zum Abschluss, noch mein persönlicher Tipp. Mir hat immer geholfen, zu denken, dass jeder Mensch Stärken und Schwächen hat. Die Legasthenie ist zwar eine verdammt nervige Schwäche, aber es gibt auch viele schimmere.- Also alles in allem bin ich noch ganz gut weggekommen!

Und der zweite Tipp: Legasthenie schreibt man mit „th“ und „ie“

Also dann, Kopf hoch und Brust raus auf dem steinigen Pfad namens Schule. Da muss man durch! Danach wird alles einfacher, versprochen!

Fabian Joas

(Fabian Joas hat 2001 Abitur gemacht, studierte Politische Wissenschaft und Volkswirtschaftslehre und arbeitet derzeit an seiner Promotion).

Zitiert nach LeDY-Mitgliederzeitschrift des Bundesverbandes für Legasthenie und Dyskalkulie – 1/2012, S. 54-55

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